Handlungsmodelle und Anpassungsstrategien für eine demografiefeste Aufstellung von ehrenamtlichen Vereinsstrukturen

Das Altenburger Land zählt über 600 Vereine, die tagtäglich einen unschätzbaren gesellschaftlichen Dienst durch ihr Engagement erweisen. Dies ist nicht nur in der Region so, sondern deutschlandweit ist das Ehrenamt eine wichtige Säule unserer Gesellschaftskultur. Allerorts stehen gemeinnützige Strukturen vor denselben Herausforderungen durch potentiell sinkende Mitgliederzahlen, „überalterte“ Vorstände, weniger junge Menschen, die im Verein Verantwortung übernehmen wollen. Das Projekt "Engagement mit Zukunft – Handlungsmodelle für die demografiefeste Aufstellung von ehrenamtlichen Vereinsstrukturen" arbeitet bereits seit 2018 an der Durchführung einer fundierten und übertragbaren Altersstrukturanalyse für den Landkreis. Ziel ist es, auf der Grundlage dieser Analyse Handlungsmodelle und Anpassungsstrategien für eine demografiefeste Aufstellung von ehrenamtlichen Vereinsstrukturen zu entwickeln und zu erproben und diese anschließend für Vereine im Altenburger Land und darüber hinaus verfügbar zu machen. Zu diesem Zweck wurden seit Juli 2018 bis Anfang 2019 von den beim Ehrenamtsbüro des Landratsamtes registrierten über 600 Vereinen insgesamt 60 Vereine befragt. Nach der Präsentation der Befragungsergebnisse im April 2019 arbeitete das Projektteam seither intensiv an der Aufbereitung von Arbeitshilfen und Handlungsempfehlungen und stellt diese hier im Folgenden vor:

Handlungsfelder und Arbeitshilfen im Überblick

Digitalisierung

Kaum etwas hat die Welt in den letzten Jahrzehnten so revolutioniert wie der Wandel der digitalen Welt. Viele Werkzeuge, die Internet, Computer und Smartphones mitbringen, können alte Routinen ablösen und neue, schnellere Arbeitsweisen ermöglichen. Dabei überfordert die Frage, was wirklich nötig und was nur eine moderne Spielerei ohne Zukunft ist, wohl viele Menschen. Ein aufgeschlossener und gezielter Umgang mit Technik kann nicht nur den Vereinsalltag erleichtern, sondern ist unumgänglich, um den Bedürfnissen und Ansprüchen der jungen Generationen gerecht zu werden. Ob nun der vereinsinterne Chat, geteilte Onlinekalender, geteilter Speicher für Bilder und Dokumente, digitale Hilfen im Umgang mit Finanzen oder Plattformen zur Präsentation des Vereins im Land und der Kommune – die Möglichkeiten sind zahlreich und das Potential der Digitalisierung sollte nicht verschenkt werden, möchte man als Verein anschlussfähig bleiben.

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Mitgliedergewinnung

Junge Mitglieder gewinnen ist in Zeiten des demographischen Wandels wohl die schwierigste Aufgabe für Vereine. Besonders der ländliche Raum ist nicht nur stark von der Überalterung der Gesellschaft, sondern zusätzlich auch von der Urbanisierung und dem Wegzug vom Land betroffen. Das setzt Vereine unter Druck. Einzelne Vereine sind nicht in der Lage, die gesellschaftlichen Strukturen zu verändern. Vielmehr gilt es, bestehende Strukturen besser zu nutzen und sich der veränderten Lebenswelt junger Menschen anzupassen. Im Konkreten steht die Frage im Vordergrund, wie Vereine den Bedürfnissen von jungen Menschen gerecht werden können, um auf diese attraktiver zu wirken. Wie erreicht man die Generation „Social-Media“, die wie keine Generation vor ihr auf Flexibilität und Individualität beharrt?

Reaktivierung ehemaliger Mitglieder und Reaktivierung passiver Mitglieder

Der Wegzug oder der Austritt eines Mitglieds aus dem Verein bedeuten nicht zwangsläufig das Ende des Engagements. Zwar schmerzt es, ein langjähriges, aktives Mitglied aufgrund des Wandels der individuellen Lebenswelt verlieren zu sehen, leichtfertig abschreiben sollte man solche Mitglieder hingegen nicht. Ehemaligennetzwerke und ein anhaltender Kontakt können die Hemmschwelle der Mitglieder senken, später – bei einem erneuten Umbruch der Lebensumstände – wieder aktiv in den Verein einzutreten. Zeigen Sie ihr Interesse an einer wiederkehrenden aktiven Teilhabe ehemaliger oder passiver Mitglieder und schaffen Sie Strukturen, welche die Rückkehr erleichtern!

Mitgliederbindung

Vereine bieten grundsätzlich die Chance auf Geselligkeit, Miteinander und Partizipation dank kollektiver Entscheidungsfindung und Interessengemeinschaft. Die interne Vereinskultur ist nicht nur Grundlage eines guten Miteinanders, sondern strahlt auch nach außen und entscheidet über das Interesse potenzieller Mitglieder, dem Verein beizutreten. Es müssen Strukturen geboten werden, die Engagement im Verein fördern, ein gutes Miteinander ermöglichen und gleichzeitig ein positives Bild nach Außen zeichnen. Anerkennung und Wertschätzung materieller und sozialer Art für Mitglieder und geleistete Arbeit sind dabei zentral, um ein langfristiges Engagement zu ermöglichen. Der kritische Blick in den eigenen Verein ist unerlässlich, um Probleme im Miteinander zu identifizieren, Potentiale auszuschöpfen und Veränderungen anzustoßen, welche die Bereitschaft für gesellschaftliches Engagement aktivieren.

Vorstandsfindung

Zwar nimmt mit der Überalterung der Gesellschaft die absolute Anzahl der jungen Menschen auf dem Land ab. Der Anteil derer hingegen, die sich ehrenamtlich engagieren, wächst. In Deutschland zeichnet sich seit einigen Jahren ein weiterer Trend ab. Die Bereitschaft junger Menschen, Vorstandstätigkeiten zu übernehmen sinkt dramatisch (Vgl. Simonson, Vogel, und Tesch-Römer, 34.). Um fit für die Zukunft zu werden gilt es, Konzepte zu entwickeln, die junge Menschen langfristig an den Verein binden und eine Übernahme von Entscheidungspositionen ermöglichen. Eine schwere Aufgabe, bedenkt man dabei den Wandel des Zeitgeistes hin zu Flexibilität und Mobilität, aber eine unerlässliche Frage, möchte man das zukünftige Bestehen des eigenen Vereins gewährleisten. Hier bedarf es eines wachsenden Problembewusstseins innerhalb des Vereins und langfristig angelegter Übergabe- und Findungskonzepte, um den Generationenwechsel reibungslos zu bewältigen.

Vorstandsentlastung

Viele Vorstände beklagen sich über zu hohe Arbeitslast und zu viel Druck. Gleichzeitig fühlen sie sich ausgenutzt und es fehlt an einer angemessenen Anerkennungskultur. Dabei lassen sich viele dieser Probleme schon durch eine langfristig angelegte, transparente Vorstandsarbeit beheben. Mangelnde Zeit und Kapazitäten sind nicht immer unlösbare Probleme. Eine Entlastung von Vereinsvorständen kommt dabei nicht nur den eigentlichen Positionsinhaber*innen zugute. Ein gut funktionierender Vorstand schafft Attraktivität zur Übernahme und sorgt somit auch für eine langfristig krisenfeste Vereinsstruktur.

Interne Kommunikation

Engagement belebt Vereine und Vereine leben von ihren demokratischen Strukturen, die jedem Mitglied ermöglichen, aktiv am Vereinsgeschehen teilzuhaben. Das Gefühl, etwas verändern zu können – teilzuhaben – bringt Menschen dazu, sich ehrenamtlich einzusetzen. Nichts hingegen ist größeres Hindernis für den Verein, als Intransparenz in der Entscheidungsfindung und das Gefühl der Einzelnen, nicht gehört zu werden. Oftmals liegt die Ursache hierfür nicht einmal im Fehlen der Partizipationsstrukturen, sondern an schlechter, unorganisierter Kommunikation. Der Ausbau nachhaltiger Kommunikationskultur und Strukturen, die Transparenz gewährleisten sind das A und O eines funktionierenden und für alle Mitglieder angenehmen Vereinsalltags.

Kooperation mit Externen

Es zeigte sich, dass viele Vereine ihr Potential in der Kooperation mit anderen Organisationen nicht nutzen. Das betrifft sowohl die Kooperation mit Schulen und Bildungseinrichtungen, die im erheblichen Maß zur Öffentlichkeitsarbeit des Vereins und der Schulen beitragen können, als auch die Kooperation mit anderen Vereinen. Besonders in Zeiten wachsenden Drucks auf Vereine – ausgelöst von zunehmenden, das Vereinsleben beeinflussende rechtlichen Hürden, aber auch den wachsenden Konkurrenzdruck durch andere Vereine und Wirtschaftsunternehmen – sollten vorhandene Ressourcen effizienter genutzt werden. Welche Ressourcen geteilt werden können, hängt vom Bedarf und der Ausstattung ab. Möglichkeiten umfassen beispielsweise den Austausch von Trainingsgeräten und Werkzeugen.

Finanzierung

Die Frage nach der Finanzierbarkeit ist unerlässlich. Langfristige Konzepte sind besonders entscheidend dabei, um den Überblick im Dschungel der Finanzierungsmöglichkeiten von Spenden und Sponsoring, Fördermitteln, Merchandise und Mitgliedsbeiträgen zu bewahren. Potenzial sollte auch hier ausgeschöpft werden – gleichzeitig darf nicht das eigentliche Vereinsziel aus dem Blick verloren gehen. Der Verein darf sein ehrenamtliches Profil nicht als reiner Dienstleister neben gewinnorientierten Wirtschaftsunternehmen verlieren (Vgl. Röbke, «Der Verein als Form zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation», 22.). Nur wenn diese Gratwanderung gelingt, bewahrt sich der Verein seine Attraktivität und bleibt für junge Engagierte interessant und beitrittswert.

Rechtshilfen

Das Finanzamt und staatliche Institutionen als Feind des Vereins – das ist das Verständnis vieler Vorstände, das aus Unsicherheiten in rechtlichen Fragen wie z.B. der Bezahlung von Hauptamtlichen, Abwicklung von Spenden und Sponsoring, der Buchführung und anderen Fragen herrührt. Mit dieser Unsicherheit geht oft und zurecht die Angst vor dem Verlust der Gemeinnützigkeit einher. Wie lassen sich Strukturen schaffen, die dem Verlust wertvollen Wissens entgegenwirken und die Weitergabe dessen ermöglichen? Wo bekommt man Hilfe und Unterstützung?